„Der Covid-19 Ausbruch ist beherrschbar geworden“

06 Mai 2020
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Connecting the world: Folgen von COVID-19 für das deutsches Geschäftsklima

Die Zahl der Neuinfektionen ist deutlich gesunken. Täglich genesen mehr Menschen, als sich mit dem Corona-Virus infizieren. „Der Ausbruch ist beherrschbar und beherrschbarer geworden“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei der Pressekonferenz zu den aktuellen Entwicklungen. Das Gesundheitssystem sei zu keiner Zeit überfordert gewesen.

Ansicht Frankfurt

Bund und Länder hatten sich nach fast vier Wochen Zwangspause vergangene Woche darauf geeinigt, dass von diesem Montag an kleine und mittlere Geschäfte bis zu einer Fläche von 800 Quadratmetern wieder öffnen dürfen, seit 29.04.2020 dürfen auch größere Geschäfte öffnen, wenn sie ihren Verkaufsraum auf 800 qm beschränken. Alltagsmasken oder ein Schutz sind in allen Bundesländern vor allem im Nahverkehr und in Geschäften Pflicht.

Und plötzlich arbeitet Bürodeutschland digital. Es holpert hier und da, aber grundsätzlich hat das Corona-Virus geschafft, was viele Manager und Digitalisierungsberater nicht geschafft haben. Es ist wie eine Bewegung. Das Zwischenergebnis Stand heute: Es geht doch.

Wie sind die aktuellen Wirtschaftsaussichten?

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten wegen der Coronakrise eine schwerwiegende Rezession. In ihrem Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung gehen die Ökonomen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 6 bis 7 % schrumpfen wird. Die Arbeitslosenquote werde sich 2020 deutlich erhöhen, die Zahl der Kurzarbeiter auf bis zu 2,4 Millionen steigen. Im kommenden Jahr werde sich die Wirtschaft aber erholen und um 5,8 % wachsen.

Die Stimmung unter den deutschen Unternehmen ist katastrophal. Der ifo Geschäftsklimaindex ist im April auf 74,3 Punkte abgestürzt, nach 85,9 Punkten im März. Dies ist der niedrigste jemals gemessene Wert. Einen stärkeren Rückgang hat es noch nicht gegeben. Das ist vor allem auf die massive Verschlechterung der aktuellen Lage zurückzuführen. Die Unternehmen blickten zudem noch nie so pessimistisch auf die kommenden Monate. Die Corona Krise trifft die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht.

Auswirkungen der Corona-Krise auf die Unternehmen des Straßengüterverkehrs sowie des Binnenschiffs-, Schienengüter- und Kombinierten Verkehrs.
Schienengüterverkehr - Befragung durch das BAG bei insgesamt 11 Eisenbahnverkehrsunternehmen. Produktionseinschränkungen oder -stilllegungen insbesondere in der Automobilindustrie sowie Transportrückgänge bei Kraftstoffen und Containern führen zu einer rückläufigen Nachfrage nach Schienengüterverkehrsleistungen.

Die wesentlichen Ergebnisse der BAG-Befragung im Kombinierten Verkehr sind:
Die KV-Terminals in Deutschland sind weiterhin uneingeschränkt in Betrieb. Dies gilt nach Unternehmensangaben auch für die ins Netzwerk der Kombiverkehr eingebundenen Terminals im europäischen Ausland. Aufgrund eines rückläufigen Containeraufkommens laufen die Systeme der Hinterland-Verkehre zwar reduziert, aber sehr stabil. Im Kombinierten Verkehr gebe es größtenteils ausreichend Kapazitäten auf fast allen Verbindungen. Terminals fordern LKW-Fahrer auf, Atemschutzmasken auf dem Gelände zu tragen.

Für den Binnenschiffsverkehr hat das BAG insgesamt 12 überwiegend große Binnenschiffsunternehmen (keine Partikuliere) befragt. Die schlechter werdende Auftrags- und Beschäftigungslage führt zu signifikanten Umsatzeinbrüchen und einer zum Teil deutlichen Verschlechterung der Ertragslage. In der Tankschifffahrt führen krisenbedingt niedrigere Verbrauchsmengen von Diesel, Benzin und Kerosin zu Transportrückgängen. In der Trockengüterschifffahrt gehen die Transportmengen insbesondere durch die Produktionsrückgänge in der Montan-Industrie deutlich zurück.

Entwicklung der verschiedenen Wirtschaftsbereiche

Die Automobilindustrie hat am 20.04.2020 entschieden, die Produktionen von Fahrzeugen schrittweise – unter Einbindung von Lieferanten und Dienstleistern - anlaufen zu lassen. Die Produktion von Ersatzteilen und Motoren war nicht unterbrochen, sondern nur reduziert.
Firmeneigene „Corona-Experten-Teams“ erarbeiten Strategien, unter Einbezug der vorgegebenen Maßnahmen und Empfehlungen, den Mitarbeitern ein sicheres Arbeiten zu ermöglichen.

Die Chemieindustrie hat Umsatzrückgänge durch den stärkeren Bedarf an Desinfektionsmitteln und der Produktion von Grundstoffen für die Herstellung von Schutzkleidungen größtenteils ausgeglichen.

Der Maschinenbau verzeichnet Auftragseinbußen und Stornierungen. Etwa 84 % der Unternehmen gehen davon aus, dass sich die Auftragslage auch in den nächsten drei Monaten nicht verbessert. Die meisten Unternehmen (43 %) rechnen sogar mit einer Verschärfung der Lage.

Bei der Elektrotechnik bricht der Auftragseingang ein und der ZVEI (Zentralverband der Elektrotechnik und Elektronikindustrie) erwartet einen zweistelligen Umsatzrückgang. So gehen bei über der Hälfte der teilnehmenden Firmen (55 %) bereits jetzt weniger Aufträge ein als vor Beginn der Krise. Von einem Einbruch bei den Bestellungen berichten sogar 26 %. Die Unternehmen erwarten einen Umsatzrückgang von durchschnittlich 14 %.

Handel: Das Konsumverhalten - abhängig von der Entwicklung Arbeitslosen- und Kurzarbeiterquote – ist derzeit nicht oder nur schwer einschätzbar. Selbst der Online-Handel verzeichnet Rückgänge im Umsatz, trotz geschlossener Stationärer Einheiten.

"Der Umfang der haushaltswirksamen Maßnahmen beträgt insgesamt 353,3 Milliarden Euro und der Umfang der Garantien insgesamt 819,7 Milliarden Euro. Zur Finanzierung wird der Bund neue Kredite in Höhe von rund 156 Milliarden Euro aufnehmen. Das Kabinett hat einen entsprechenden Nachtragshaushalt gebilligt."
Ingrid Rossmeier, Rotterdam Representative Southern Germany

Corona-Schutzschild und Exit-Strategie

Die Auswirkungen der Exit-Strategie sind noch nicht einschätzbar: Die Exit-Strategie muss zügig, aber auch mit Vorsicht und in Schritten erfolgen. Ein Anstieg der Infektionen, der zu einem weiteren Shutdown führen würde, wäre die denkbar schlechteste Variante.

Die größte Auswirkung im Logistik-Sektor ist die Unterbrechung der Logistik-Kette. Die weltweite Verzahnung der Wirtschaft hat aufgezeigt, wie verletzlich unsere Wirtschaft und Gesellschaft ist.
Die Just-in-Time-Belieferungen, das Nutzen der Logistik-Kette um möglichst preiswert Zulieferteile zu beschaffen und punktgenau angeliefert zu bekommen, wurde essentiell gestört und kann nur langsam wieder anlaufen.

Ob sich etwas für immer verändern wird, wer weiß. Wir mussten erkennen, dass wir die Welt nicht beherrschen. Aber die Gesellschaft hat sich verändert, ob dauerhaft? Solidarität, Hilfsbereitschaft und ein Zusammenhalt der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Generationen ist plötzlich möglich. Ob die Wertschätzung und Dankbarkeit anhält, die man heute systemrelevanten Berufen entgegenbringt, ist zu bezweifeln. Die Beschaffungsmärkte werden sich voraussichtlich verändern, z.B. die Verlagerung systemrelevanter Produktionen ins Inland bzw. ins benachbarte europäische Ausland. Inwieweit sich die Veränderungen auch auf die Klimaschutzpolitik auswirken werden, kann noch nicht eingeschätzt werden. Das hängt davon ab, ob dieser „Corona-Schutzschild“ mit klimapolitischen Vorgaben in Europa und international verbunden sind wird.

Über den Verfasser

Ingrid Rossmeier ist offizieller Vertreter des Hafenbetriebs Rotterdam für Süddeutschland und arbeitet von Nürnberg aus. Ingrid hat einen Hintergrund in der Logistik (bei Unternehmen im Handel und in der Dienstleistung). Sie arbeitet seit mehr als 6 Jahren für die Rotterdamer Hafenbehörde.

Zusammen mit ihren Kollegen in Deutschland: Roland Klein (Südwest-Deutschland), Dr. Wolfgang Hönemann (Nordrhein-Westfalen) und Michiel Messchaert (Norddeutschland) vertritt sie den Hafen Rotterdam in Deutschland und stellt die Verbindung zu Verladern, Logistikdienstleistern, Betreibern und Branchenorganisationen her.

Auf die Frage nach der größten Ähnlichkeit zwischen der Bedeutung des Rotterdamer Hafens für deutsche Verlader und Spediteure antwortet sie: Deutschland ist eine starke Wirtschaftsnation und hat mit dem Hafen Rotterdam den perfekten Partner für die Abwicklung seiner Produkte. Abgesehen davon, kann der Hafen ohne Restriktionen (Tiefgang und Schleusen) problemlos erreicht werden. Viele Loops der Reeder-Allianzen haben Rotterdam als ersten oder letzten Anlaufhafen in Europa gewählt, was zu kürzeren Transitzeiten führt. Und das sind nur ein paar der offensichtlichen Vorteile.

Und wie kann sie einen Verlader aus Deutschland davon überzeugen, Fracht über Rotterdam statt über deutsche Häfen zu verschiffen? Es ist die Mentalität des lösungsorientierten Arbeitens: „Das geht nicht“ – diese Aussage gibt es nicht. Rotterdam ist der smarteste Hafen und überzeugt Kunden durch die Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung mit Hilfe der Digitalisierung und Optimierung von Lieferketten. Diese schlagenden Argumente überzeugen auch die deutschen Kunden.

Quellen
https://www.deutschlandfunk.de
https://www.ifo.de/
https://www.vdma.org
https://www.elektroniknet.de