„Die Konjunkturerholung in Indien wird reibungsloser und rascher verlaufen als in vielen anderen fortschrittlichen Ländern“

20 Mai 2020
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Connecting the world: Folgen von COVID-19 für das indische Geschäftsklima

Als das indische Geschäftsjahr begann (1. April 2020), hatte das neue Coronavirus (COVID 19) schon mehr als achthunderttausend Menschen in über 150 Ländern infiziert. Die Plage stellt die gesamte Menschheit vor eine große Herausforderung. Sie hat Auswirkungen auf unseren Lebensstyl, auf das Unternehmertum und ganze Wirtschaftssysteme und bringt unseren Glauben an das allgemeine Wohlergehen ins Wanken, das wir so lange als selbstverständlich hingenommen haben.

Ansicht Mumbai

Die Weltwirtschaft hatte bedingt durch gestörte Handelsströme und Schwächung des Wachstums schon vor Ausbruch dieser Pandemie mit Problemen zu kämpfen. Die Effekte von COVID-19 auf Angebot und Nachfrage und die Liquidität haben diese Situation allerdings bedeutend verschärft.

Man geht davon aus, dass die Konjunkturerholung in Indien reibungsloser und rascher verlaufen wird als in vielen anderen fortschrittlichen Ländern. Tatsächlich erklärte die Konferenz der Vereinigten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in ihrem letzten Bericht mit dem Titel „Der COVID-19-Schock in Entwicklungsländern“, dass China und Indien die am wenigsten betroffenen großen Volkswirtschaften sein werden.

Auswirkungen auf die indische Wirtschaft

Indiens reales BIP-Wachstum verlangsamte sich im 3. Quartal 2019/2020 auf den niedrigsten Wert in sechs Jahren und der Ausbruch von COVID-19 sorgte für weitere Herausforderungen. Die Maßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung, wie die 21 Tage dauernden Einschränkungen und der Lockdown in den einzelnen Staaten, haben wirtschaftliche Aktivitäten zum Stillstand gebracht und könnten sich sowohl auf den Verbrauch als auch auf mögliche Investitionen auswirken. Obwohl indische Unternehmen, mit Ausnahme einiger weniger Branchen, die durch den Ausbruch der Epidemie verursachte Unterbrechung der globalen Versorgungskette und die daraus folgenden sinkenden Importmengen vermutlich verkraften können, könnte der Export in von COVID-19 betroffene Länder darunter leiden.

Es gibt drei mögliche Szenarien für die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 in Indien.

  1. Die Infektionszahlen gehen zwischen Ende April und Mitte Mai weltweit rasch zurück, auch in Indien
    China hat die Anzahl der Neuinfektionen bedeutend reduziert und die Fertigungsbranche ist bereit, zur Normalität zurückzukehren. Auch andere Länder konnten die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie eingrenzen. Umfangreiche Steuer- und Finanzmaßnahmen werden früher als vorhergesehen eingeleitet, wodurch die Hoffnung auf einen Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte 2020 zunimmt. In diesem Fall würde Indiens Wachstum für 2020/2021 zwischen 5,3 % und 5,7 % liegen.
  2. Obwohl Indien die Ausbreitung von COVID-19 beherrscht, ist von einer erheblichen globalen Rezension die Rede
    Auch in diesem Szenario wird der globale Übertragungseffekt sich aufgrund von Indiens Integration in die Weltwirtschaft bedeutend auf Indiens Wachstum auswirken. Nach diesem Modell wird Indiens Wachstum geringer sein als in Szenario 1 und den Erwartungen zufolge zwischen 4 % und 4,5 % liegen.
  3. COVID-19 verbreitet sich weiter in Indien, der Lockdown wird verlängert: globale Rezension
    Diese Situation wäre ein doppelter Schlag für die Wirtschaft, denn in diesem Fall müsste sie den Einbruch der nationalen sowie der internationalen Nachfrage verkraften. Verlängerte Lockdowns würden die wirtschaftlichen Probleme auf jeden Fall weiter verschärfen.
    In diesem Szenario könnte Indiens Wachstum bis unter die 3 %-Marke abfallen.

Auswirkungen der Pandemie auf die Logistikbranche

Die COVID-19-Pandemie erschwert die Geschäftsbedingungen für nationale Häfen und Logistikunternehmen, die sich bereits vorher mit rückläufigen Erträgen und der weltweiten Konjunkturabschwächung auseinandersetzen mussten. Zurzeit müssen verschiedene Bereiche dieser Branche, unter anderem Lagerhaltung, Güterfrachtverkehr und Last-Mile-Zustellung, mit unterschiedlichen Herausforderungen fertig werden. Der Mangel an Arbeitskräften stellt in diesem Rahmen das größte Problem für alle Segmente dar.

Da zu wenig Arbeitskräfte und zu wenig Transportmöglichkeiten bereitstehen, um Frachten abzuholen, sind Flughäfen, Häfen und in gewissem Umfang auch Bahnhöfe verstopft. All das, obwohl der Flug- und Bahnfrachttransport und sogar Handelsfrachten, die in Häfen abgefertigt werden, nicht unter die Lockdown-Bestimmungen fallen.

Importfrachten stapeln sich an See- und Flughäfen

Undeutliche Definitionen für lebensnotwendige und nicht-lebensnotwendige Waren behindern die Abläufe. Die Befreiung von Terminüberschreitungskosten auf Flughäfen wirkt kontraproduktiv und hat häufig zur Folge, dass Importeure ihre Waren nicht abholen. Die Zivilluftfahrbehörde hat letzten Monat eine Senkung der Terminüberschreitungskosten um 50 % angeordnet, um Import-Lagerhallen auf Flughäfen zu leeren und eine reibungslose Bewegung von lebensnotwendigen Waren während des Lockdown zu ermöglichen. Die Zollbehörde ist allerdings der Ansicht, dass diese Maßnahme Importeure und Zwischenhändler eher davon abhalten wird, ihre Waren abzuholen und somit eine noch stärkere Blockierung von Häfen und Flughäfen verursacht.

Terminüberschreitungskosten beziehen sich in diesem Fall auf das Bußgeld, das von Luftfrachtterminalbetreibern erhoben wird, wenn ein Transporteur seine Waren nicht rechtzeitig abführt. Die Höhe des zu zahlenden Betrags wird auf Grundlage des Gewichts (kg) berechnet. Quellen zufolge liegen mehr als 3.000 Tonnen von Waren auf dem Flughafen in Delhi fest. Dabei handelt es sich zum Großteil um wertvolle Güter, wie Elektrogeräte und Produkte für die Automobilbranche.

„An den Terminals gibt es Probleme mit dem Warenabtransport. Ausgenommen davon sind medizinische Produkte und notwendige Versorgungsgüter, die für die Bekämpfung der Krankheit bestellt wurden. Andere Artikel werden nicht abgeholt, weil zu wenig Lkw-Fahrer, Transportwagen und Personen zur Verfügung stehen, die in diesem Bereich arbeiten“, erklärte ein Zollbeamter am Flughafen in Delhi.

Weiterhin haben Vertreter der Wirtschaft angegeben, dass die Frachtbewegungen in den Häfen in den vergangenen Wochen aufgrund der niedrigeren Produktion im Land um 50 % - 60 % zurückgegangen sind. Wenn der Lockdown andauert, wird diese Zahl vermutlich um weitere 10 % - 15 % sinken und das wird zu erheblichem Druck auf die Reedereien führen. „Häfen, in denen noch viel mit der Hand gemacht wird, oder in denen ein weitgehender Mangel an mechanischen Hilfsmitteln besteht, trifft es am Schwersten. Die Wartezeiten belaufen sich mittlerweile auf vier bis fünf Tage. Die Transportbewegungen im Küstenbereich haben am stärksten gelitten und es fahren nur ungefähr 40 % (der Schiffe)“, erzählt ein hochrangiger Beamter in einem Privathafen. Kokskohle, Kraftwerkkohle und Düngemittel sind einige Beispiele für Massengüter, die per Küstenfracht befördert werden.

Der Chennai Port Trust (ChPT) und Kamarajar Port Limited (KPL) haben kumulativ ca. 19.000 importierte Container aus ihren jeweiligen Häfen abtransportiert. Aktuell stehen 11.000 Container zum Umladen im Chennai-Hafen, die regelmäßig abgeholt werden. Was den Autoexport betrifft, befinden sich zurzeit ca. 2.000 geparkte Autos von Hyundai Motor und Kia Motors auf dem Gelände von ChPT.

„Einer der größeren Häfen, die in Schwierigkeiten geraten sind, ist Tuticorin (VO Chidambaram Port Trust), dort wird man sich möglicherweise in Kürze auf den Zustand höherer Gewalt berufen. In diesem Hafen wird noch viel manuell gearbeitet und die Social-Distancing-Normen können nicht eingehalten werden. Deswegen wird der Betrieb vermutlich in Kürze aufgrund von höherer Gewalt eingestellt“, so der Beamte.

Unter den privaten Häfen befindet sich Krishnapatnam an der Ostküste in einer vergleichbaren Situation. Branchenvertretern zufolge liegt die Fracht dort seit dem 26. März fest.
Jawaharlal Nehru Port Trust (JNPT) muss im Geschäftsbereich für Containerfracht, in dem lebensnotwendige Waren, wie pharmazeutische und landwirtschaftliche Produkte abgefertigt werden, zusätzlichen Platz schaffen, da Importeure ihre Materialien nicht von den Containerfrachtstationen abholen. „In den letzten Wochen hat die Zollabteilung ICDs (Inland Container Depot) von Concor des JNPT erklärt, dass der Hafen mehr Platz bekommt, um seine Container zu lagern“, erklärte ein höherer Beamter des größten Containerhafens von Indien.

Wie Quellen berichten, hat auch der Flughafen von Delhi die Zollabteilung und das Ministerium für Zivilluftfahrt um Erlaubnis gebeten, das Exportgüter-Terminal für importiere Waren nutzen zu dürfen, weil nicht ausreichend Lagerplatz zur Verfügung steht.

Die Situation am Schienen-Terminal ist ähnlich. Die Entladung von Gütern, wie Kohle und Petroleum, geht zurück. Speisegetreide werden nach wie vor zügig abgeladen, weil diese von staatlich kontrollierten Einrichtungen für die Versorgung an öffentliche Verteilsysteme geliefert werden. Trotzdem wurden 1,71 Millionen Tonnen Speisegetreide, Mehl und Hülsenfrüchte von der Bahn geladen, 148 % mehr als die 690.000 Tonnen, die letztes Jahr im selben Zeitraum geladen wurden.

Schutzmaßnahmen Coronavirus

Die indische Regierung trifft die notwendigen Maßnahmen, um dafür zu sorgen, dass alle auf die Herausforderungen und Bedrohungen der COVID-19-Pandemie vorbereitet sind. Mit der aktiven Unterstützung der indischen Bevölkerung konnte das Land die weitere Ausbreitung des Virus verhindern. Um die Verbreitung des Virus auf lokaler Ebene zu unterbinden, sind eine korrekte Informationsweitergabe an die Bürger und das Ergreifen von Vorsichtsmaßnahmen unerlässlich, wie sie von der Gutachterkommission des Ministeriums für Gesundheit und Familie empfohlen wurden.

Über den Verfasser

Manoj Nair ist einer der offiziellen Vertreter des Hafenbetriebs Rotterdam in Indien. Manoj lebt in Mumbai. Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Logistikbranche und ist zurzeit National Manager Ocean Freight bei Broekman Logistics India. Auf die Frage nach den zukünftigen Aussichten für den Handel zwischen Indien und Rotterdam erklärte er: „Indien ist aktuell die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt und führende Investoren haben Indien als zurzeit attraktivsten Markt eingestuft. Dem Bericht ‚Doing Business‘ der Weltbank aus dem Jahr 2020 zufolge, ist Indien 79 Plätze aufgestiegen, von Platz 142 (2014) bis auf Platz 63 (2019). Indien ist wichtig für die Niederlande und die Niederlande sind ein wichtiger Partner für Indien. Die aktuellen Ziffern über Auslandsdirektinvestitionen, die das indische Handels- und Industrieministerium präsentiert hat, zeigen keinerlei negative Auswirkungen der Direktinvestitionen aus den Niederlanden. Ganz im Gegenteil, die niederländischen Direktinvestitionen sind im letzten Jahr sogar gestiegen. Im 2. Quartal 2019 betrug der Zufluss von ausländischen Direktinvestitionen aus den Niederlanden 1,356 Millionen $, im Vergleich zu 0,836 Millionen $ im zweiten Quartal 2018. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Die aktuellen Maßnahmen im Hinblick auf die Körperschaftssteuern zeigen deutlich, dass Indien eine offene Marktwirtschaft anstrebt und ausländische Investitionen nachdrücklich ermutigt. Ich bin überzeugt davon, dass wir auch weiterhin zusammenarbeiten werden, um bilaterale Investitionen voranzutreiben und Handelsbarrieren abzubauen.

Wie kann er Verlader aus Indien davon überzeugen, ihre Ladung über Rotterdam zu befördern und nicht über andere Häfen in Nordwesteuropa? Die heutigen Verlader wollen die vollständige Kontrolle über die Lieferkette haben und wenn man das in Betracht zieht, ist Rotterdam als erster Anlaufhafen für viele Transporteure die erste Wahl. Die Durchlaufzeit für die Beförderung der Fracht über den Rotterdamer Hafen an alle Orte Nordwesteuropas mit Binnenschiffen, über die Schiene oder Straße ist wesentlich effizienter als anderswo. Die Verweilzeit an den Tiefsee-Terminals ist kurz und Betriebsmittel sind rasch verfügbar, während einheitliche Dokumente und Verfahren Zeit sparen und dafür sorgen, dass weniger Fehler gemacht werden.

Quellen: KPMG, Business Standard