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Medizinische Versorgung, immer und überall

Die beste medizinische Versorgung bieten, wenn kein Arzt in der Nähe ist. Das ist die Mission von Walther Boon und Remko Huigen vom Start-up-Unternehmen MedAssist.online. Ihre Apps unterstützen die Besatzung auf hoher See und an anderen fernen Orten beim Ausführen von medizinischen Handlungen in Notsituationen. MedAssist.online wurde ins PortXL-Beschleunigungsprogramm 2017 aufgenommen. Das sorgt für neue Kontakte mit potenziellen Kunden, Investoren und Partnern, mit denen man weitere Innovationen durchführen kann. Dabei geht es letztendlich immer um eine Sache: Menschen zu helfen. „Das liegt nun einmal bei uns im Ärzteblut.“

In der Kombüse des Frachtschiffs verliert der Koch das Gleichgewicht und schneidet sich mit einem Messer in die Hand. Ein heftiger Schnitt, der stark blutet. Die Wunde muss genäht werden, es ist jedoch kein Arzt an Bord. Das Schiff befindet sich 1000 Meilen vor der Küste, der nächste Hilfsposten ist weit weg. Der Steuermann steht alleine da. Auf seinem Tablet öffnet er die Skills-App von MedAssist.online, die ihn mit einem Video und Fotos Schritt für Schritt genau durch den Prozess führt. Nach etwa zwanzig Minuten sind die Nähte angebracht und dem Patienten wurde geholfen!

Das Büro von MedAssist.online liegt am Maashaven, es hat eine weitläufige Aussicht auf die Skyline von Rotterdam und die vorbeifahrenden Schiffe. „Schau, da fährt ein Kunde“, sagt Walther Boon (Gründer und Geschäftsführer). „Und dort, in dem großen, weißen Turm des Krankenhauses Erasmus MC, liegen unsere Wurzeln“, zeigt Remko Huigen (Strategie- und Entwicklungsmanager). Walther und Remko, beide ursprünglich Ärzte, erzählen über die Entstehung von MedAssist.online und die sogenannte Skills-App, mit der wichtige, ärztliche Fähigkeiten sofort gelernt und ausgeführt werden können.

Walther: „Schiffe sind verpflichtet, medizinische Ausrüstung an Bord zu haben. Der Kapitän oder der erste Steuermann haben eine medizinische Schulung absolviert und können damit grundlegende Handlungen vornehmen. Wir geben diesen Kursus schon seit Jahren beim EC-MT, dem Rotterdamer maritim-medizinischen Ausbildungsinstitut. Crew-Mitglieder brauchen diese medizinische Schulung nur einmal pro fünf Jahre zu absolvieren. Wenn an Bord etwas passiert, liegt die Schulung meistens schon Jahre zurück. Während der Schulungen wurde bei den Erzählungen der Besatzungsmitglieder deutlich, dass sie unsicher sind, ob sie die medizinische Handlung richtig ausführen. Es geht dann auf einmal doch um einen echten Patienten, ihren Kollegen, den sie schon seit Jahren kennen. Übers Radio werden sie von „Radio Medische Dienst“ unterstützt. Danach müssen Sie die Handlungen selbst durchführen. Ihnen fehlte die Unterstützung.“

Schweinehaut

Das müsste man doch besser machen können, denkt Walther 2015 und schon schnell entsteht die Idee eines digitalen Tools. Gemeinsam mit John Pieterse, der E-Learning-Applikationen für den maritimen und den Offshore-Sektor erstellt, macht er sich an die Arbeit. Walther richtet ein Studio ein, in dem er selbst die Fotos und die Filme macht. „Wir haben zum Beispiel eine Schiffskrankenstation nachgebaut, alles muss möglichst echt aussehen. Deswegen sieht man im Film beim Anbringen der Nähte, dass wir tatsächlich Haut zusammennähen. Dafür haben wir jedoch Schweinehaut benutzt. Das können wir natürlich nicht einfach so auf einem echten Menschen üben.“

Mitte 2016 ist die MedAssist.online Skills-Applikation fertig. Die App behandelt oft vorkommende medizinische Probleme wie zum Beispiel Vergiftung und Schock, Spritzen geben, Halsstabilisierung, Betäuben sowie das Anlegen einer Infusion. Die App funktioniert online und offline und nimmt das Besatzungsmitglied an die Hand, damit man die medizinische Prozedur sicher und erfolgreich durchführt. Schritt für Schritt, mit Fotos und Video. Darüber hinaus erfüllt die App die Anforderungen des international vereinbartenSTCW-Codes, einesinternationalen Vertragsbezüglich der Mindestanforderungen, die Seeleute aufHandelsschiffenschulungs- und zertifizierungstechnisch erfüllen müssen. Walther: „Wir helfen Unternehmen, die Norm zu erfüllen.“

Ein Volltreffer. Als Walther sich an maritime Unternehmen wendet, hat Stena Line sofort Interesse und wird zu einem wichtigen Testpartner. Walther: „Stena Line befördert mit ihren Fähren jede Woche Tausende von Menschen. Das ist mehr, als die Anzahl von Patienten in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis. Sie sind sehr offen für Innovation und ihr Feedback war und ist sehr wichtig.“

Von jungen Typen lernen

Danach entwickelt sich MedAssist.online sehr schnell. Das Interesse von Unternehmen auf der ganzen Welt steigt. Im November 2016 ist das Unternehmen einer der zwei Finalisten für den KVNR Shipping Award. Zwei Wochen später gewinnt es den Lloyd’s List Award der Australian Maritime Safety Authority. Außerdem nimmt PortXL das junge Unternehmen ins Beschleunigungsprogramm auf. Remko, der inzwischen das Team des Start-ups verstärkt, über die Auswirkungen: „Wir haben bei PortXL sehr viel gelernt. Wir bekamen eine Art Mini-MBA-Studiengang, mit dem wir unser Unternehmen auf ein höheres Niveau heben konnten. Wir bekamen Mentoren - erfahrene Leute aus dem maritimen Sektor - und ein Netzwerk. Auf diese Weise haben wir einen starken Pitch und einen guten Businessplan entwickelt. Wir wurden auch vom Programm herausgefordert, Dinge schnell zu liefern, etwas mehr Gas zu geben und größer zu denken. Und natürlich ist es sehr wichtig, dass wir dank PortXL und dem Hafenbetrieb einfacher mit großen Unternehmen im Sektor in Kontakt kommen können.“ Walther fügt hinzu: „So haben wir Präsentationen bei Vopak, Van Oord und Boskalis gehalten. Wir haben aber auch von anderen Start-ups gelernt und vice versa. Ich fand es ganz toll, von jungen Typen aus dem Ausland zu lernen, zum Beispiel wie man flotter präsentieren sollte. Darüber hinaus haben wir sehr viel zu erzählen, schaffen es jedoch noch nicht, es ausreichend nach außen zu kommunizieren. Andere setzen soziale Medien auch häufiger ein als wir.“

Über PortXL

Das PortXL-Beschleunigungsprogramm ist ein hundert Tage dauerndes Programm für innovative Start-ups im maritimen Sektor. Die ausgewählten Start-ups bekommen intensives Coaching von erfahrenen Mentoren aus der Wirtschaft und werden auf diese Weise auf den Markt vorbereitet. Die Teilnahme an PortXL öffnet Türen zur niederländischen und internationalen Wirtschaft. 2018 wird es wieder ein Programm geben. Anmelden kann man sich noch bis zum 15. Januar 2018.

Es gibt noch eine weitere wichtige Lektion, die die beiden Herren gelernt haben. Remko: „Sie lautet: Geduld haben. Im Business-to-Business kommt es vor, dass ein Angebot monatelang liegen bleibt. Vor allem große Unternehmen brauchen Zeit, um eine Entscheidung zu fällen. In unserem Enthusiasmus wollen wir als junges Unternehmen möglichst schnell weiter, denn wir möchten gerne schnell wachsen und möglichst viele Menschen erreichen.“ Dennoch melden sich immer häufiger neue Kunden, zuletzt konnten wir Nederlandse Loodswezen für uns gewinnen.“

Neue Ideen und Innovationen

Walther: „Unternehmen sehen, dass sie eine deutliche Kostenersparnis realisieren können. Wenn die Besatzung bei einem medizinischen Problem selbst richtig eingreifen kann, braucht das Schiff nicht unnötig umzukehren oder von der Route abzuweichen. Das spart auch sehr viel Geld. Wir bekommen überall positive Reaktionen und das Interesse von Unternehmen wächst weiterhin.“

Das Interesse und die Kontakte führen dann auch wieder zu neuen Ideen und Innovationen. Die beiden Männer sind zum Beispiel mit einer App beschäftigt, mit der man ein Elektrokardiogramm auf dem Tablet machen kann: der „Heart-App“. Remko: „Herz- und Gefäßkrankheiten sind die am häufigsten vorkommende Erkrankung bei Männern zwischen 25 und 65 Jahren. Besatzungsmitglieder, die Herzbeschwerden bekommen, brauchen mit der neuen App nicht zu warten, bis sie an Land sind, um eine schnellere und bessere Diagnose zu bekommen als die, die momentan möglich ist. Mit dem Tablet kann ganz einfach ein Elektrokardiogramm in Krankenhausqualität gemacht werden. Anschließend wird das EKG an einen Arzt an Land geschickt. Gemeinsam mit Stena Line und Boskalis sind wir dabei, die App zu entwickeln und zu testen.“

Zwei andere Innovationen, die Walther und Remko prüfen, sind der Einsatz von erweiterter Realität sowie die sichere Versendung medizinischer Informationen. Remko: „Wir bewegen uns an der Schnittfläche zwischen medizinischem Fachwissen, Schifffahrt und IT. Wir schauen jetzt, ob wir einen Arzt und einen Patienten virtuell zusammenbringen können. Das heißt also, dass ein Arzt an Land mithilfe speziell entwickelter, erweiterter Realität tatsächlich bei der Versorgung eines Patienten an Bord mitarbeiten kann. Für unsere Lösung haben wir einen Patentantrag eingereicht. Wir prüfen auch, wie man medizinische Daten sicher sammeln, verschlüsseln und mittels einer Verbindung über See anbieten kann. Medizinische Daten darf man natürlich nicht einfach so versenden. Wir prüfen, auf welche Weise es geht und gestattet ist. Die gesetzlichen Bestimmungen im Bereich des Datenschutzes und der Patientendaten sind deutlich. Aber es ist nicht einfach, sie auf See zu erfüllen. Über PortXL haben wir einen Partner getroffen, der das mit uns gemeinsam prüfen will, damit sich daraus eventuell eine Dienstleistung ergeben kann.“

Über die Gründer von MedAssist.online

Walther Boon und Remko Huigen sind beide Ärzte, ausgebildet beim Erasmus MC. Boon arbeitete eine Zeit lang auf einer Unfallstation bis er als selbstständiger medizinischer Berater in den maritimen Sektor wechselte. Im Jahr 1996 entwickelte er im Auftrag des Reedereienverbands die Schulung „Medizinische Versorgung an Bord“. Er ist auch Mitglied des Ausschusses von Radio Medische Dienst von KNRM.

Remko Huigen absolvierte nach seinem Medizinstudium einen MBA-Studiengang Marketing und Informatik und arbeitete jahrelang als Manager für Shell an Standorten in der ganzen Welt.

Innovation

Rotterdam möchte der intelligenteste Hafen der Welt werden. Um unsere Spitzenposition zu behalten, müssen wir kontinuierlich innovieren. Innovation ist ein entscheidendes Mittel, um die geplanten Veränderungen bei der Energiewende und der Digitalisierung in Rotterdam zu realisieren.

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