Digitalisierung
Column

‚Nautische Standards für effiziente Seefahrt erforderlich‘

„Es ist schon ziemlich merkwürdig, dass die bereits seit ungefähr 5.000 Jahren existierende Seefahrt erst seit kurzem über internationale Standards für nautische Hafeninformationen verfügt. Zahlreiche wirtschaftliche Sektoren neueren Datums, wie beispielsweise die Luftfahrt- und Telefonindustrie, sind bereits seit langer Zeit international standardisiert."

Ben van Scherpenzeel ist Vorsitzender der Taskforce zur Optimierung des Hafenaufenthalts (Port Call Optimisation Taskforce). Deren Zielsetzung besteht darin, die Informationsqualität für den Ablauf des Hafenaufenthalts zu verbessern, indem Datenengpässe identifiziert, bestehende Industriestandards für diese Daten übernommen und diese Standards danach mit Prototypen (somit nicht mit kommerziellen Produkten) getestet werden.

„Es ist jedoch so, dass an der Seefahrt ebenfalls viele internationale Player beteiligt sind. Die Seehäfen, jedoch auch der Sektor selbst, haben lange Zeit ein Inseldasein geführt. So hatten beispielsweise die Container- und die Tankschifffahrt ihren jeweils eigenen Jargon.

In unserer heutigen Zeit steht die Seefahrt vor enormen Herausforderungen: Die Gewinnspannen werden geringer, die CO2-Emissionen müssen gesenkt werden. Je effizienter die eigenen Schiffe eingesetzt werden können, desto niedriger sind die Betriebskosten und Emissionen. Hierzu tragen internationale Standards für die Optimierung des Hafenaufenthalts (Port Call Optimisation) bei. Große Spediteure und Reedereien werden dadurch im wahrsten Sinne des Wortes gut fahren. Sie setzen Tag für Tag Hunderte von Schiffen in einem aus Hunderten von Häfen bestehenden Netz ein, in denen es früher kein eindeutiges Vokabular für Begriffe wie Tiefe, Ankunft- und Abfahrtzeiten gab. Die fehlenden Standards führten zu Verspätungen bei Hafenankünften und zu einer suboptimalen Beladung. Wie betreibt man auf diese Weise eine große Flotte effizient ...?

Globale Player als Shell, Maersk, MSC und CMA-CGM, jedoch ebenfalls Häfen wie Göteborg, Singapur, Houston, Busan, Ningbo-Zhoushan, Algeciras waren daher an der internationalen Taskforce zur Optimierung des Hafenaufenthalts beteiligt, anhand derer Betriebe, Häfen und Interessenorganisationen internationale Standards festgeschrieben haben. Das Ganze war ein zeitraubender und komplexer Vorgang, da Geschäftsparteien miteinander am Tisch saßen, die manchmal noch nie zuvor miteinander gesprochen hatten. Der erste Aufruf zum Handeln (Call for Action) stammt aus dem Jahre 2006. Lange hat man nach der geeigneten technischen Vorgehensweise gesucht, wie Informationen für Schiffe und Liegeplatz genau angeboten werden konnten und welche Informationen man zumindest standardisieren sollte. Ein (1) Geschäftsablauf für sowohl die Tank- als auch die Containerschifffahrt wurde dabei als Ausgangspunkt gewählt.

Voriges Jahr wurden dann Funktionsdefinitionen veröffentlicht: Wie werden wir in Zukunft Begriffe wie Tiefe und erwartete Ankunftszeit eindeutig festlegen? Man hat sich für eine Terminologie entschieden, die bereits jetzt in Logbüchern und auf internationalen Seekarten Anwendung findet. Ende Mai 2018 werden Datendefinitionen für die Informationsübertragung festgelegt. Danach ist es Aufgabe der maritimen Industrie, die Daten- und Funktionsdefinitionen zu verwalten, so dass wir in 50 Jahren noch immer mit denselben Definitionen arbeiten.

Schifffahrt ist ein globales Geschäft. Eine Standardisierung hat nur dann Sinn, wenn alle Informationseigner ihre Daten während des Geschäftsablaufs austauschen. Mit Pronto hat der Hafenbetrieb Rotterdam vor kurzem als erster eine Kommunikationsplattform eingeführt, die auf den neuen Standards basiert. Die verstärkte weltweite Einführung einer solchen Technologie führt schneller zu einer sauberen und effizienten Seefahrt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, jeden Beteiligten mit an Bord zu nehmen, der eine Dienstleistung für das Seeschiff erbringt. Das gilt von den Terminals bis zu den Lotsen, für die Bunkerbetriebe und die Lieferanten von Proviant.

Haben wir, von einem sozialwirtschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, eine andere Wahl? Die Antwort lautet: Nein. Standardisierte Kommunikation ist für die Zukunft der Seefahrt, die sauberer und effizienter werden muss, eine Grundvoraussetzung. Im Jahr 2030 müssen die CO2-Emissionen gegenüber 2008 um die Hälfte zurückgegangen sein. Der größte Gewinn bei der Senkung von Emissionen kann bei so genannten Just-in-time-Ankünften verbucht werden. Und dieses Ergebnis kommt zudem der wirtschaftlichen Schlagkraft des Industriezweigs zugute.

Den Anfang macht ein Informationsaustausch - und das gilt auch für Schiffe untereinander. Mein Tipp an die Vertreter der Seefahrt lautet: Macht als Cluster weiter. Letzten Endes laufen nämlich alle Seeschiffe dieselben Häfen an. Bei Ankunft und Abfahrt kann es sein, dass sie einander behindern. Und den Häfen würde es auch gut zu Gesicht stehen, weniger fragmentiert zu denken. Ein Hafen ist nur ein (1) Bindeglied innerhalb des enormen Netzwerks seiner Kunden. Abgesehen von der Standardisierung wird auch diese Einstellung zu einer zügigeren Einführung einer saubereren Seefahrt beitragen.“

Energiewende

Der Hafenbetrieb Rotterdam setzt sich gegen die Klimaveränderung ein und will eine Vorreiterrolle bei der weltweiten Energiewende spielen. Senkung des CO₂-Ausstoßes und effiziente Nutzung der Roh- und Reststoffe stellen für den Hafenbetrieb wichtige Aufgaben dar.

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