Offshore-wind ist der heilige gral

09 März 2020
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Die Anzahl von Windparks in der Nordsee wird in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen. Das bietet dem Rotterdamer Hafen und Unternehmen, die sich auf dieses Segment richten, Chancen.

Hans Timmers
Hans Timmer, Vorsitzender der NWEA

In der Bandbreite nautischer Aktivitäten sind der Bau und die Instandhaltung von Windparks relativ neu, haben sich für den Rotterdamer Hafen jedoch bereits zum wichtigen Standbein entwickelt. Und zwar um das Rotterdamer Hafengewerbe mit Wissen zu versorgen und es beim Einrichten von Dienstleistungen in diesem Bereich zu unterstützen. Unter anderem gründete der Hafenbetrieb Rotterdam gemeinsam mit RPPC die Offshore Community Rotterdam, die mittlerweile 80 Mitglieder zählt.

Vor kurzem erklärte sich Hans Timmers, Vorsitzender der NWEA, der Branchenorganisation des Windenergiesektors, dazu bereit, aktuelle Entwicklungen mit uns zu teilen.

60 GIGAWATT BIS 2050

'Ein Gigawatt können die Windräder auf der Nordsee zurzeit liefern', beginnt Timmers. 'Das muss bis 2050 auf 60 Gigawatt anwachsen, und wenn wir Europa betrachten, geht es um 450 Gigawatt.'

Grafik: Installationsrate für Offshore-Windparks

Gasland

Aus dem Bericht von Timmers geht deutlich hervor, dass die Niederlande vor einer enormen Aufgabe stehen. Aus einem aktuellen Bericht geht hervor, dass die Niederlande bei der Erzeugung nachhaltiger Energie von allen europäischen Ländern am schlechtesten abschneiden. 'Die Niederlande leben bereits seit Jahrzehnten auf und vom Gas. Die enorme Wende, die erreicht werden muss, schafft man nicht mit einer paar Solarpanelen.'

Timmers schüttelt routiniert einige Kennzahlen aus dem Ärmel. '30 % unseres Stroms stammt zurzeit aus nachhaltigen Quellen, hauptsächlich erzeugt von Windrädern. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Strom nur 25 % unseres Gesamtenergieverbrauchs ausmacht. Mit der Mitverbrennung von Biomasse und zusätzlich Geothermie kommt man auf einen Anteil nachhaltiger Energie von 8 %.'

Hohes Bußgeld

Europäische Zielsetzungen schreiben vor, dass unser Land dieses Jahr 14 % der Energie nachhaltig erzeugen muss. 'Das schaffen wir nicht', behauptet Timmers, 'und das macht das Wirtschaftsministerium ganz schön nervös, denn es handelt den Niederlanden am Ende des Jahres ein hohes Bußgeld ein.' Es komme, möchte der Vorsitzende sagen, eine enorme Aufgabe auf uns zu. 'Wir haben jetzt auf See 1 Gigawatt stehen, das muss bis 2050 auf 60 Gigawatt angewachsen sein. Windenergie ist für unser Land der heilige Gral bei der Verwirklichung von Nachhaltigkeit. Und dann vor allem Offshore-Wind.'

Letztendlich werden ca. 20 % des niederländischen Teils der Nordsee für Windparks verwendet werden. 'Dabei wird auch stark auf den Ausgleich von Umweltschäden und Naturentwicklung geachtet.' Eines ist deutlich: Die niederländischen Häfen und Schifffahrtsunternehmen werden bei der Errichtung und der Instandhaltung dieser Parks eine wichtige Rolle spielen. 'Ein Windrad hat eine wirtschaftliche Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Während dieses Zeitraums ist Instandhaltung erforderlich.'

Der Rotterdamer Hafen ist hervorragend positioniert, um – gemeinsam mit den Unternehmen im Hafengebiet – von den Möglichkeiten, die der Bau und die Instandhaltung von Offshore-Windparks bieten, zu profitieren. Denn die Nordsee, in Kürze mit einer großen Menge Windräder, liegt buchstäblich vor der Tür.

Lobby

Die Gefahr liege darin, meint Timmers, dass sich niederländische Unternehmen zu schnell reich rechnen würden. 'Der Einsatz unserer täglichen Lobby besteht darin, dass es niederländische Unternehmen sind, die die Aufträge erhalten, also keine Parteien aus China oder anderen Ländern.' Im Vereinigten Königreich müssen 60 % der Aufträge von lokalen Unternehmen ausgeführt werden. 'Die Niederlande betreiben keine derartige Industriepolitik.'

Deshalb konzentriert sich die NWEA auf das Ausüben von Einfluss auf das Erstellen von Tenderverfahren. 'Indem man dabei den Nachdruck auf Qualitätsnormen legt, haben niederländische Unternehmen eine größere Chance, Aufträge zu erhalten.' Beim Qualitätsaspekt zielt Timmers nicht nur auf das Material ab, sondern auch auf die Einrichtung der kompletten Lieferkette. Unternehmen in und rund um Rotterdam können sich, beispielsweise durch die Investition in die Qualität ihres Personals und die effiziente Gestaltung ihrer gesamten Lieferketten sicherlich abheben, besonders dann, wenn sie sowohl miteinander als auch mit den Wissenseinrichtungen wie STC oder der Erasmus-Universität zusammenarbeiten.

Auch anderswo in Europa wird kräftig auf See gebaut. Letztendlich muss dies bis 2050 zu einer Kapazität von 450 Gigawatt angewachsen sein, die mit Offshore-Windparks erzeugt werden muss. 'Dazu kommt unter anderem noch On-Shore-Wind und Sonnenenergie.'

Stabiler Strompreis

Der größte Unsicherheitsfaktor beim Ausbau von Offshore-Wind ist die mögliche Instabilität des Strompreises. 'Der Windenergiesektor profitiert von einem stabilen Strompreis. Es geht immerhin um eine Investition von ca. 1,5 Millionen Euro pro Turbine.' Im Vereinigten Königreich wird ein fester Preis garantiert. Ist der Strompreis niedrig, legt die Regierung drauf. Bei hohen Preisen wird hingegen abgezogen. 'Das möchte man in den Niederlanden leider nicht einführen', sagt Timmers.

Es wird viel darüber gesprochen, welche Rolle Wasserstoff bei der Energiewende spielen kann. 'Wasserstoff ist ein Energieträger', erläutert Timmers. 'Das Problem ist, dass man recht viel Energie benötigt, um Wasserstoff zu erzeugen. Deshalb lautet das Mantra vorerst: Sehr viel Energie erzeugen, anschließend entsteht die Nachfrage nach Wasserstoff von alleine, um die Energie damit zu speichern.'

Steckdose auf See

Der ehemalige Minister Kamp (Wirtschaftsministerium) sprach beim Bau der ersten Windparks über die Notwendigkeit, eine 'Steckdose auf See' anzulegen. Beziehungsweise: Für eine gute Integration der Offshore-Aktivitäten und der On-Shore-Eingliederung zu sorgen. Rotterdamer Unternehmen und regionale Wissenseinrichtungen haben bereits seit Jahrzehnten Erfahrung mit der Beziehung zwischen Schifffahrtsunternehmen und der Infrastruktur nach und an Land. RPPC und der Hafenbetrieb Rotterdam werden sich in den nächsten Jahren nachdrücklich dafür einsetzten, die Aufmerksamkeit bei Mitgliedern auf die Geschäftsmöglichkeiten von Offshore-Wind zu lenken, und – gemeinsam mit Partnern – Marktkenntnisse mit der Offshore Community Rotterdam zu teilen.