Zehn Gründe dafür, weshalb wir gerade Startups in der Coronakrise unterstützen müssen

16 April 2020
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Quelle: InnovationQuarter

Die tatsächliche Quelle des Wirtschaftswachstums ist die technische Innovation - so der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter. Schumpeter gilt als der Gründervater des wissenschaftlichen Denkens zu Innovation und Unternehmertum. Er erschuf auch den Begriff schöpferische Zerstörung (creative destruction), worunter er den Prozess der ständigen Innovation versteht, wobei erfolgreiche Anwendungen neuer Technologien die alten vernichten. Ist es sinnvoll, Scale-Ups und andere innovative Unternehmen jetzt - aus der Perspektive der schöpferischen Zerstörung betrachtet - zu unterstützen? Rinke Zonneveld, Direktor InnovationQuarter, und Maurice van Tilburg, Director Capital bei Techleap, geben gemeinsam eine Antwort auf diese Frage.

Die Skyline von Rotterdam
Foto: Danny Cornelissen

Ist gerade in der heutige Coronakrise keine Rede von einem beschleunigten Prozess der schöpferischen Zerstörung? Oder wie jemand schrieb: „Durch diesen Waldbrand entsteht in Kürze viel Platz für neue Pflanzen.“ Vorige Woche kündigte das niederländische Kabinett an, Startups und Scale-Ups auf jeden Fall Überbrückungsdarlehen in Höhe von EUR 100 Millionen zur Verfügung zu stellen. Nach Ansicht von Zonneveld und Van Tilburg ist es gerade jetzt an der Zeit, Scale-Ups und andere innovative Unternehmen zu unterstützen. Nachstehend die Liste mit zehn, von beiden gemeinsam formulierten Gründen dafür.

1. Es handelt sich um eine außergewöhnliche wirtschaftliche Situation.

Sehr viele Startups und andere Unternehmen sehen sich vom einen Tag auf den anderen mit einem akuten Nachfrage-Einbruch oder mit einem Wegfall ihrer Zulieferung konfrontiert. Das ist keine Marktkorrektur, um die es sich beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 gehandelt hat. Die Wirtschaft ist, zum Schutze unserer Volksgesundheit, durch internationale Lockdown-Maßnahmen zum Erliegen gekommen. Es handelt sich dann auch keineswegs um schöpferische Zerstörung, wobei neue bessere Technologien veraltete Unternehmen aus dem Markt drücken.

2. Startups und Scale-Ups sind für die Wirtschaft, für unsere Innovationskraft und unsere zukünftige Gewinnerwirtschaftungskapazität wichtig.

Startups und Scale-Ups investieren unverhältnismäßig viel in F&E, entwickeln Schlüsseltechnologien, wie künstliche Intelligenz, Biotechnologie, und Photonik, und setzen diese in hohem Tempo in innovative Dienstleistungen und Produkte um. Häufig tragen ihre Produkte und Dienstleistungen zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen bei; beispielsweise auf dem Gebiet von Gesundheit und Pflege, Energiewende und Nachhaltigkeit, Landwirtschaft, Wasser sowie von Nahrungsmitteln und Sicherheit. Startups und Scale-Ups sind die notwendige treibende Kraft hinter dieser technologischen Revolution. Darüber hinaus sorgen diese Startups und Scale-Ups für die Erhaltung und die Akquise von

Talent und Knowhow, die für den Behalt unserer Wettbewerbsposition in Zukunft wichtig sind. Diese Art schnell wachsender Unternehmen schufen im Zeitraum 2015-2018 ungefähr 220.000 Arbeitsplätze. Damit sind sie der am schnellsten wachsende Jobmotor in den Niederlanden.

3. Gerade Startups und Scale-Ups werden verhältnismäßig hart von dieser Coronakrise getroffen.

Startups verfügen in der Regel über kein großes finanzielles Polster. Sie setzen alle ihre Vermögensmittel für ihr Wachstum ein und erwirtschaften somit unter dem Strich keinen Gewinn. Sie hangeln sich so von einer Investitionsrunde zur nächsten. Das bedeutet auch, dass ein großer Prozentsatz an Startups auch unter normalen Wirtschaftsbedingungen nicht überlebt. Das könnte man als eine Art schöpferischer Zerstörung ansehen. Eine Unterstützung seitens des Staates dürfte diesen darwinistischen Prozess dann nicht stören. Eine Umfrage von TechLeap unter mehr als 400 Startups hat jedoch ergeben, dass 80 % der Startups und Scale-Ups in den kommenden Monaten in akute finanzielle Schwierigkeiten geraten werden, hauptsächlich aufgrund eines Nachfrageeinbruches und der fehlenden Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen. 67 % benötigen eine Überbrückungsfinanzierung und 27 % nahmen gerade an einer neuen Investitionsrunde teil, die nun weitgehend zum Stillstand gekommen ist.

4. Startups und Scale-Ups fallen zu einem Großteil aus den anderen Krisenmaßnahmen heraus.

Das niederländische Kabinett hat am 13. März dieses Jahres ein solides erstes Paket an wirtschaftlichen Krisenmaßnahmen geschnürt. Diese Maßnahmen bezwecken, Unternehmer und Betriebe - vom selbständigen Unternehmer ohne Mitarbeiter bis hin zum Großunternehmen - unter diesen besonderen wirtschaftlichen Umständen bestmöglich zu unterstützen. Aufgrund der Art und Merkmale von Startups und Scale-Ups kommen sie jedoch für viele dieser Maßnahmen nicht in Frage. Mit erweiterten Bankgarantieregelungen werden die Banken nicht auf einen Schlag mehr Kredite an Existenzgründer vergeben. Und viele Startups und Scale-Ups kommen für die NOW-Regelung (Noodmaatregel Overbrugging Werkgelegenheid = Notmaßnahme zur Überbrückung der Beschäftigung) nicht in Betracht. Außerdem haben viele der fiskalischen Maßnahmen nur eine sehr begrenzte Auswirkung auf junge innovative und schnell wachsende Unternehmen.

5. Unser Innovations-Ökosystem, an dem in den letzten fünfzehn (15) Jahren so hart gearbeitet wurde, droht hart getroffen zu werden.

Das Ziel der Niederlande ist es, das eigene Ökosystem für Startups und Scale-Ups zum stärksten in Europa zu machen und weltweit eine Top-5-Position zu erreichen. In der Rangliste des Jahres 2019 sind die Niederlande weltweit um vier Plätze gestiegen, und zwar von Platz 19 auf Platz 15. In Europa nehmen die Niederlande den 5. Platz ein. Der Aufstieg wird durch das Wachstum der Anzahl Unternehmensgründungen, das Wachstum der Anzahl Investitionen in Startups und einige große „Exits" gesteuert. Aufgrund der aktuellen Corona-Krise wird erwartet, dass die Anzahl der Startups zurückgeht und Investitionen in Startups und große Exits auf Eis gelegt werden. Dies ist ein globaler Trend, droht aber dennoch auch die relative Position der Niederlande zu schwächen.

6. Unsere Wettbewerbsposition steht auf dem Spiel, da andere Länder mit umfangreichen Unterstützungspaketen für ihre Startups aufwarten.

In den vergangenen Wochen haben mehrere europäische Länder sehr breit angelegte Unterstützungsmaßnahmen für ihre Startups angekündigt. Häufig bestehen sie aus einer Kombination von Darlehen zu günstigen Konditionen, Koinvestitionen und steuerlichen Maßnahmen. Frankreich hat ein Paket in Höhe von insgesamt EUR 4 Milliarden angekündigt und Deutschland hat EUR 2 Milliarden für spezifische Startup-Maßnahmen vorgesehen. Andere Länder wie das Vereinigte Königreich, die Schweiz, Spanien und Belgien haben ebenfalls umfassende Maßnahmen vorgesehen. In der vergangenen Woche kündigte Flandern beispielsweise an, dass es flämischen Startups zinsgünstige Darlehen in Höhe von EUR 250 Millionen zur Verfügung stellen wird.

7. Auch Investmentfonds bekommen die negativen Auswirkungen der aktuellen Krise zu spüren.

Selbstverständlich spielen Investmentfonds (private und öffentliche) bei der Unterstützung ihrer Portfolio-Unternehmen in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise eine sehr wichtige Rolle. Und unsere Kontakte zeigen auch, dass sie bereit sind, dies zu tun. Allerdings verfügt eine beträchtliche Anzahl von Fonds nicht über solche tiefen Taschen, wie sie jetzt benötigt werden. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern könnten sie hierbei gut öffentliche Unterstützung gebrauchen. Auch die Renditen der Fonds sind durch die aktuelle Wirtschaftskrise stark unter Druck geraten. Und entgegen der landläufigen Meinung sind die Renditen von Fonds, die risikoreich in junge innovative und schnell wachsende Unternehmen investieren, im Allgemeinen bescheiden. Als direkte Folge dessen könnte es in naher Zukunft schwieriger werden, Finanzmittel für neue Fonds zu beschaffen, was mittelfristig auch die Verfügbarkeit von Risikokapital für Startups und Scale-Ups deutlich verringern wird. Und die Krise wird für sie noch viel länger dauern, als man es sich wünschen würde.

8. Der Staat spielt eine wichtige Rolle bei der Stimulierung von Investitionen.

Die vielleicht wichtigste Wirtschaftswissenschaftlerin auf dem Gebiet der Innovation seit Schumpeter ist die Italienerin/Amerikanerin Mariana Mazzucato. In ihrem bahnbrechenden Buch „The Entrepreneurial State; debunking public vs. private sector myths" (Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum) aus dem Jahr 2013 argumentiert sie, dass der wirtschaftliche Erfolg der Vereinigten Staaten viel mehr den öffentlichen Investitionen in Innovation und Technologie zu verdanken ist als der marktwirtschaftlichen Doktrin, mit der er oft in Verbindung gebracht wird. Die Bedeutung öffentlicher Investitionen in zukünftige bahnbrechende Technologien, wie z.B. die Energiewende, ist ebenfalls hoch, wie z. B. in den Niederlanden durch die Gründung von Invest-NL gezeigt wurde. Öffentliche Investitionen in Innovation und Technologie haben auch große positive externe Effekte.

9. Der Staat spielt bereits eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Startups und Scale-Ups.

In den Niederlanden, wie auch in anderen europäischen Ländern, ist der Staat bereits ein wichtiger (indirekter) Investor in junge innovative Unternehmen. Er tut dies jedoch dergestalt,

dass Entscheidungen über einzelne Investitionen zumindest zu marktüblichen Konditionen und in marktorientierter Weise getroffen werden. Beispielsweise sind die Regionale OntwikkelingsMaatschappijen - ROM (regionale Entwicklungsgesellschaften) Jahr für Jahr an etwa 50 % aller Risikokapitalgeschäfte beteiligt, was sie zu den bei weitem aktivsten Investoren in den Niederlanden macht. Viele private Fonds erhalten jedoch auch einen Teil ihrer Mittel vom Staat, z.B. über die SeedCapital-Regelung oder über den Europäischen Investitionsfonds (EIF). Der Staat verfügt daher bereits über eine professionelle Struktur, um Startups und Scale-Ups auf solide und verantwortungsvolle Weise zu finanzieren. Aus diesem Grund hat das Kabinett auch beschlossen, die Verantwortung für die Bereitstellung der EUR 100 Millionen an Überbrückungskrediten auf die regionalen Entwicklungsgesellschaften zu übertragen. Es wird erwartet, dass Invest-NL auch bei der Bereitstellung größerer Summen eine maßgebliche Rolle spielen wird.

10. Bei richtiger Ausgestaltung lassen sich unnötige, nicht schöpferische Zerstörungen bei Startups vermeiden.

In den letzten Wochen hat das niederländische Ministerium für Wirtschaft und Klima zusammen mit TechLeap, den gemeinsamen ROM und InvestNL sehr intensiv an einer Einrichtung zur Bereitstellung von Überbrückungskrediten für Startups und Scale-Ups gearbeitet. In diesem Zusammenhang wurde auch viel Input sowohl von privaten Investmentfonds als auch von Startups gesammelt. Es liegt dabei auf der Hand, dass es sich bei den Krediten um ein Kriseninstrument handelt, das eine vorübergehende Überbrückung bis zum "Break-even-Point" oder bis zu einer nächsten Finanzierungsrunde bieten kann. Die diesbezüglich in Betracht kommenden Unternehmen müssen natürlich nachweisen können, dass ihre finanzielle Notlage auf die Corona-Krise zurückzuführen ist und dass sie alle Maßnahmen zur Kostensenkung ergriffen haben, die man von ihnen vernünftigerweise erwarten kann. Außerdem wird die Investorenbrille aufgesetzt, um zu beurteilen, ob diese Unternehmen eine gesunde und nachhaltige Zukunftsperspektive haben. Und für höhere Beträge wird eine private Kofinanzierung erforderlich sein. So wird nicht schöpferische Zerstörung vermieden, wobei jedoch der Prozess der schöpferischen Zerstörung, der für die Innovation so notwendig ist, nicht gestört wird.